Kaum war Viagra für Männer auf dem Markt, erhoben sich schon Stimmen, um die Segnungen der Potenzpille auch für das weibliche Geschlecht zu loben: Nie habe sie besseren Sex gehabt, ließ eine amerikanische Hausfrau die Öffentlichkeit wissen. Andere schwärmten in der Presse von multiplen Orgasmen, obwohl sie jahrelang zu keinem Höhepunkt fähig gewesen seien. Einer britischen Pilotstudie zufolge hatten Frauen nach einer Zeit, in der ihnen Viagra verabreicht worden war, häufiger Sex mit ihren Männern. Haben Ärzte mit diesem Potenzmittel nun auch endlich ein Mittel an der Hand, um weibliche Sexualstörungen zu heilen? Was steckt dahinter?
Rein medizinisch gesehen ist es durchaus möglich, daß Viagra nicht nur bei Männern wirkt, sondern auch bei Frauen. Das Gewebe im männlichen und weiblichen Sexualbereich ist in den Grundanlagen ziemlich gleich. Im Penis, in den Schamlippen und der Klitoris finden sich Schwellkörper, die auf Viagra reagieren. “Der Zielort”, sagt Claudia Rüffer-Hesse von der Medizinischen Hochschule Hannover, “ist also vorhanden.” Während aber beim Mann eine Erektion hervorgerufen, also eine Funktion hergestellt werden soll, geht es bei den Frauen um einen anderen Effekt. Die körperlichen Veränderungen, beispielsweise durch eine verbesserte Durchblutung eine stärkere Befeuchtung der Scheide zu erreichen, könnten vielleicht dazu führen, daß Frauen im Genitalbereich mehr Gefühl und dadurch auch mehr Lust entwickeln, erklärt die Psychiaterin und ärztliche Leiterin einer von Pfizer in Auftrag gegebenen Studie, die derzeit europaweit durchgeführt wird.
Im Herbst 1997 begann die Medizinische Hochschule Hannover mit ihren Studien zum Thema Frauen und Viagra. Damit befindet sich das Medikament in einer frühen klinischen Erprobungsphase. Mehr als fünfhundert europäische Frauen aller Altersstufen testen Viagra derzeit als Probandinnen im Dienste von Pfizer. Nach Abschluß der Testserie will der Pharmakonzern dann entscheiden, ob die Zulassung von Viagra als Orgasmuspille bei den zuständigen Behörden beantragt wird. Bis es das Medikament für die Frau gibt, werden in jedem Fall noch ein paar Jahre verstreichen: In Deutschland könnte sie vermutlich frühestens in drei Jahren verfügbar sein, sagt Dr. Rudolf Ertl, Produktmanager von Viagra in der deutschen Pfizer Niederlassung in Karlsruhe. Und das auch nur dann, wenn die ausführlichen Tests zu brauchbaren Ergebnissen führen. Auch in den Vereinigten Staaten gibt es Viagra (legal) bislang nur für Männer. Übrigens hatte nicht nur Pfizer die Idee, ein “Orgasmusmittel” für Frauen auf den Markt zu bringen. Die Firma Zonagen testet laut New York Post derzeit das Potenzmittel Vasomax an Frauen. Und auch die amerikanische Firma Abbot Laboratories arbeitet an einem neuen Mittel – es soll Rezeptoren im Gehirn zu größerer sexueller Erregbarkeit bringen.
Allerdings haben die Ergebnisse, die der Medizinischen Hochschule Hannover bislang vorliegen, keine durchschlagende Wirkung des potenzsteigernden Mittels bei jüngeren Frauen gezeigt, doch handle es sich ja auch, betont Claudia Rüffer-Hesse, um erste klinische Forschungen in diesem Feld, die zudem noch nicht komplett ausgewertet seien. Dennoch lohnt sich ein Blick hinter die wissenschaftliche Kulisse.
An der Medizinischen Hochschule in Hannover interessiert man sich bereits seit längerem für Sexualprobleme bei Frauen, schon allein deshalb, “weil Frauen im Bereich Sexualforschung bisher zu kurz gekommen sind”, sagt Diplompsychologin Dr. Kristina Heiser, die ebenfalls an der Viagra
Studie mitarbeitet. Die Behandlung von Frauen gestalte sich außerdem in der Regel schwieriger als die von Männern, denn während bei diesen sexuelle Probleme häufig mit Funktionsstörungen wie erektiler Dysfunktion zu tun hätten, stehe bei Frauen die sexuelle Erlebnisfähigkeit im Vordergrund. “Drei Viertel unserer Patientinnen klagen darüber, sie hätten keine Lust zu Sexualität, sie könnten sie nicht genießen”, so Heiser. Schwierigkeiten mit der Orgasmusfähigkeit, die noch vor wenigen Jahren als Hauptproblem der Frauen galten, oder körperliche Leiden wie Vaginismus stünden demgegenüber hintan.
Ein Blick auf die Statistik zeigt: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Erscheinungsbild sexueller Probleme bei Frauen stark geändert. So wandten sich Mitte der siebziger Jahre einer Hamburger Studie zufolge noch achtzig Prozent der Frauen wegen Erregungs- und Orgasmusstörungen an eine Beratungsstelle. Zwölf Prozent klagten über Vaginismus, einer unwillkürlichen Verkrampfung des Scheideneingangs und der Beckenbodenmuskulatur, die bei dem Versuch auftritt, etwas in die Scheide einzuführen. Nur acht Prozent der Patientinnen nannten Lustlosigkeit als vorherrschendes Problem.
Das sah bei einer ebenfalls in Hamburg durchgeführten Erhebung aus den frühen neunziger Jahren ganz anders aus: Der Anteil der Patentinnen, bei denen sexuelle Lustlosigkeit diagnostiziert wurde, stieg von acht auf achtundfünfzig Prozent, während der der Frauen mit Erregungs und Orgasmusschwierigkeiten auf neunundzwanzig Prozent sank. Lediglich unter Vaginismus litten etwa gleich viele Frauen wie zwanzig Jahre zuvor, nämlich dreizehn Prozent. Kristina Heiser zitiert aus ihrer Praxis ähnliche Erfahrungen: Etwa fünfundsiebzig Prozent ihrer Patientinnen klagen über Probleme mit der Lust, rund zwanzig Prozent leiden unter Erregungs- oder Orgasmusstörungen, bei fünf Prozent sind Vaginismus oder Schmerzen beim Verkehr die Ursache.
Warum Frauen heute weniger Lust denn je haben darüber läßt sich nur spekulieren: “Das hängt vermutlich mit der sexuellen Liberalisierung und damit zusammen, daß Frauen sich heute trauen, ihre Unlust zu äußern”, sagt Dr. Heiser. Zudem wüßten Frauen heute mehr über ihren Körper, könnten genauer benennen, wo das Problem liegt, wenn die Lust ausbleibt. Außerdem sei auch die Forschung inzwischen mehrere Schritte vorangekommen: “Wir glauben heute, daß die früher als Orgasmusprobleme bezeichneten Beschwerden vermutlich eigentlich Lustprobleme waren “, so Heiser. Tatsache bleibt: Eine Reihe von Untersuchungen hat gezeigt, daß für eine große Zahl von Frauen in westlichen Industrienationen Geschlechtsverkehr als Stimulation zu starker Erregung und zum Erreichen des Orgasmus nicht geeignet ist anders als bei den meisten Männern. Auch deshalb, schreibt Diplompsychologin Margret Hauch von der Sexualberatungsstelle der Abteilung Sexualforschung der Universität Hamburg, habe die Zahl der Frauen, “die bei Petting oder Geschlechtsverkehr sehr wohl zu Orgasmen kommen , aber dennoch keine Lust auf sexuellen Kontakt mit ihrem Partner haben”, stark zugenommen. Hier würden “Unterschiede im sexuellen Erleben zwischen Frauen und Männern” sichtbar.
Das Problem dabei ist: Die bei Frauen auftretenden Schwierigkeiten mit der Lust sind nicht einfach zu behandeln. Häufig steckt eine Krise in der Partnerschaft dahinter, sind Kindheitstraumata wie sexueller Mißbrauch oder eine zu strenge Erziehung schuld. Da helfen keine Pillen, und auch mit häuslichen Körperübungen zusammen mit dem Partner erreichen Therapeuten nur in Einzelfällen etwas. Betroffene Frauen bedürfen in der Regel einer kompetenten psychotherapeutischen Behandlung; manchmal werden verschiedene Therapieansätze kombiniert, um dem Problem auf den Grund zu gehen. Doch das ist aufwendig und teuer, und der Erfolg ist nicht gesichert. Dazu sei, so Heiser, die Sexualität von Frauen zu vielschichtig, störanfällig, sensibel. Und vor allem hei jeder Frau unterschiedlich gelagert.
Der Leidensdruck der betroffenen Patientinnen ist groß: Haben Frauen Probleme mit der Lust, bekommen sie meist auch Probleme in der Partnerschaft. “Häufig haben Männer ohnehin mehr Lust auf Sex als Frauen”, erklärt Heiser. Die Konsequenz: Es entwickle sich ein regelrechter Teufelskreis. Der Mann dränge seine Partnerin, und diese ziehe sich immer mehr zurück. Manche Betroffenen gäben sich eine Zeitlang Mühe, den Wünschen des Partners nachzukommen. Doch dies schlage in der Regel erst recht in Ablehnung von körperlichem Kontakt um. “Viele Frauen mit sexuellen Schwierigkeiten haben Angst um ihre Partnerschaft, sie fürchten sich davor, daß ihr Partner sich eine sexuell aktivere Partnerin suchen könnte”, erklärt Heiser.
Sie hat die Erfahrung gemacht, daß Frauen unter ihrer Lustlosigkeit in der Regel sehr leiden. Oftmals schämen sich Betroffene so sehr, daß sie es nicht wagen, das Thema im Verwandten oder Freundeskreis anzusprechen. Heiser: “Die Frauen hören und lesen in den Medien, was man sexuell alles erleben kann, und beginnen, an ihrer eigenen Sexualität zu zweifeln. Die Frauen fragen sich: Bin ich denn überhaupt noch normal, wenn ich keine Lust zu Sexualität habe? Treffen sie dann auf Frauen mit ähnlichen Problemen, sind viele unheimlich erleichtert, daß sie nicht die einzigen sind.” Kein Wunder angesichts dieser spezifischen Situation, daß es die Hannoveraner Forscher lockte, mit einem schnell wirksamen Medikament zu experimentieren. Fünfzehn sorgfältig ausgesuchte Frauen sie mußten gesund sein, sollten in einer festen Partnerschaft leben und unter keinen schweren psychischen Problemen leiden – nahmen seit Winter 1997 an der jeweils vier Monate dauernden Studie teil. Sie waren zwischen achtzehn und fünfundfünfzig Jahre alt, hatten also sexuelle Erfahrungen, waren aber noch nicht in den Wechseljahren.
Die meisten der Probandinnen litten unter Lustlosigkeit, einige wenige klagten über Erregungsprobleme, beispielsweise über fehlende oder zu geringe Lubrikation.
Die Frauen wurden angehalten, ihr erotisches Leben in einem Tagebuch festzuhalten. Sie mußten Fragen folgender Art beantworten: “Wie oft haben Sie an Sex gedacht?”, “Wie oft hatten Sie Sex ?» oder auch: “Wie oft hatten Sie Lust zum Streicheln?”. Die Tagebücher sollten den Ärzten und Psychologen zunächst einen Einblick in die Situation ohne Medikament gewähren. In den folgenden drei Monaten erhielten die Frauen dann Tabletten mit der Anweisung, sie ungefähr eine Stunde vor einem sich anbahnenden Schäferstündchen einzunehmen – und anschließend wiederum Buch darüber führen, was nun anders war als zuvor.
Das Ergebnis: Viagra hilft, zumindest in der bislang ausprobierten Dosierung – manche erhielten Placebos, andere Mengen von zehn, fünfzehn oder hundert Milligramm des Wirkstoffs, jungen Frauen relativ wenig. “Viele Frauen schrieben, sie merkten gar nichts”, sagt Heiser. “Und die meisten Äußerungen der Frauen, die etwas verspürten, bezogen sich auf eine bessere Durchblutung im Körper” oft allerdings an der falschen Stelle: “Manche klagten, sie hätten nach der Einnahme einen roten Kopf bekommen.” Andere Probandinnen beschrieben ein Wärmegefühl im ganzen Körper. Eine Patientin berichtete, ihr Sexualleben habe sich tatsächlich verbessert, was sie allerdings auf die Gespräche mit ihrem Partner und die allgemeine Beschäftigung mit diesem Thema schob. Wenige Frauen gaben an, durch Viagra habe sich die Befeuchtung der Scheide verbessert. Und sollten die Probandinnen tatsächlich mehr Geschlechtsverkehr gehabt haben, gibt es auch dafür eine Erklärung: “Schließlich war das ja Bedingung für die Teilnahme an der Studie”, so Heiser, “daß die Frauen nach Einnahme von Viagra sexuell aktiv wurden.”
Über gravierende Nebenwirkungen klagte keine der Frauen. “Eine hatte leichte Kopfschmerzen”, zählt Heiser auf. “Eine nahm Farben nach der Einnahme intensiver wahr, manche klagten darüber, daß sie wegen der besseren Durchblutung ein rotes Gesicht bekamen.” Die Nebenwirkungen decken sich in etwa mit denen, die auch die Männer in diversen Studien beschrieben haben. Sie hielten jeweils über höchstens zwei Stunden an.
Fazit: Einen Durchbruch, wie bei männlichen Patienten, konnten die Forscher bei den Frauen mit Viagra nicht erkennen. “Die Sexualität der Frauen ist derartig stark mit ihrem Seelenleben verknüpft, daß man sehr schwer etwas mit diesem Medikament erreichen kann”, sagt Heiser. “Wenn in der Partnerschaft etwas nicht stimmt, hilft auch die Tablette nichts. Sexuelle Zufriedenheit und sexuelle Funktion sind eben zwei unterschiedliche Dinge.” Befriedigender Sex bestehe für die meisten Frauen auch aus dem partnerschaftlichen Miteinander, aus einer stimulierenden Atmosphäre. Frauen müßten sich wohl und entspannt fühlen, sie müßten Lust entwickeln können. Und genau da nützt Viagra nichts: “Ein Lustauslöser ist es nicht.”
“So wie es im Moment aussieht, bringt Viagra für junge Frauen tatsächlich wenig”, faßt auch die ärztliche Leiterin der Studie, Rüffer-Hesse, zusammen. Dennoch möchte sie noch nicht die Flinte ins Korn werfen: “Ich würde gerne mit höheren Dosierungen, etwa mit zweihundert Milligramm, experimentieren”, sagt sie. “Vielleicht brauchen Frauen einfach mehr.” Immerhin sei die Funktionsweise von Viagra rein organisch gesehen plausibel wenn nicht, und das sei nun mal entscheidend, die seelischen Faktoren bei weiblichen Sexualstörungen überwögen.
Anders könnte sich die Wirkungsweise bei Frauen in den Wechseljahren darstellen und dies ist das Thema der neuesten Studie, die seit Sommer 1998 an der Medizinischen
Hochschule Hannover läuft. Die Untersuchung hat diesmal Frauen in oder jenseits der Menopause im Alter von fünfundvierzig bis siebzig Jahren im Visier.
Die Spekulation der Forscher: Viele Frauen in den Wechseljahren klagen über Scheidentrockenheit, ohne unter sexuellem Desinteresse zu leiden. Diese fehlende Lubrikation erklärt sich durch die Alterung der Haut. “Im Alter wird eben alles etwas trockener, auch die Schleimhäute”, erklärt Kristina Heiser. Hier könnte Viagra mit seiner durchblutungsfördernden Wirkung helfen. Bislang wurden den Betroffenen östrogenhaltige Salben oder Gleitcremes verabreicht nicht unbedingt jederfraus Sache. Wenn sich die Tablette nun als wirksam erweist, könnten die Frauen ein anderes Mittel zur Hand haben, das sie eventuell als weniger störend empfinden.
Aber selbst wenn sich herausstellt, daß Viagra in höherer Dosierung oder bei älteren Frauen positive Wirkungen entfaltet, ist das Medikament noch lange keine “Orgasmuspille”, die Frauen zu zahlreichen Höhepunkten verhilft. Die begeisterten Berichte aus Amerika “sind vermutlich nur Einzelfälle und werden es auch bleiben “, erklärt Heiser. Wieviel Wunschdenken und Einbildung dahintersteckt, vermag niemand zu sagen. Im Grunde, resümiert Rüffer Hesse, könne man davon ausgehen, daß Viagra vor allem in einem Fall hilfreich sein kann: “bei Erregungsstörungen, die durch vaginale Minderdurchblutung zustande kommen”.